Hans Gerber
Kriechender, 1952–1953
In den frühen 1950er-Jahren greift Hans Gerber mit mehreren Zeichnungen weiblicher «Kriechender» sowie der Plastik «Kriechender» einen speziellen Figurentypus auf. Besonders bei Letzteren stellt sich die Frage: Handelt es sich um einen Erniedrigten, einen Gedemütigten oder um eine unauffällig schleichende Gestalt oder vielleicht um ein Kind bei seinen ersten Gehversuchen auf allen Vieren? Womöglich ist die Mehrdeutigkeit beabsichtigt, die Figur ist auch nahezu abstrakt und gesichtslos. Gleichzeitig erinnert sie an Wilhelm Lehmbrucks «Der Gestürzte»: eine lebensgrosse, am Boden kauernde Figur, die der Münchner Bildhauer 1915/1916 als Sinnbild für den Ersten Weltkrieg und sein eigenes Zerwürfnis schafft. Gerber schätzt den Künstler seit jeher, und wahrscheinlich ist ihm auch Max Beckmanns Bronzefigur, «Kriechende Frau», von 1935 bekannt. Mit dem hohlen Kreuz, den angewinkelten Körpergliedern und dem zurückgeworfenen Kopf haftet Gerbers Kriechendem aber auch etwas Athletisches an: mit dem Boden fest verbunden und doch jederzeit sprungbereit, wirkt er ständig auf der Hut. Dank der Körperspannung sind die Zwischenräume und Hohlformen der Figur ebenfalls vielgestaltig.
Marc Munter
Leichte Sprache
In den frühen 1950er-Jahren beschäftigt sich Hans Gerber mit einer besonderen Figur.
Er zeichnet mehrere «Kriechende» und gestaltet auch eine Skulptur.
Die Figur kriecht auf dem Boden.
Aber was bedeutet ihre Haltung?
Vielleicht ist sie gedemütigt oder verletzt.
Vielleicht bewegt sie sich vorsichtig fort.
Oder sie erinnert an ein Kind, das gerade laufen lernt.
Gerber lässt diese Frage offen.
Die Figur hat kein Gesicht und ist fast abstrakt.
Anja Seiler