Cantonale-Künstler:innen über ihr Schaffen: Muzi
Derzeit konzentriere ich mich auf die menschliche Wahrnehmung anderer Tiere und deren Verhalten in Bezug auf die Umwelt sowie auf die Dynamik des Zusammenlebens verschiedener Arten. Meine Forschung untersucht, wie verschiedene Arten koexistieren, sich gegenseitig beeinflussen und sowohl physische als auch konzeptuelle Spuren in dem Raum und der Zeit hinterlassen, in denen sie leben. Mit meinen Werken möchte ich Geschichten über Liebe, Konflikte und Leiden erzählen und dabei zum Nachdenken über unsere Beziehung zum „Anderen“ und darüber anregen, wie wir uns selbst und andere Lebensformen beobachten und wahrnehmen.
Was meine künstlerische Praxis betrifft, so empfinde ich den Raum nicht als Einschränkung, sondern als eine Reihe bewohnter Dimensionen, verschiedener Ökosysteme, die miteinander interagieren, koexistieren und Geschichte schreiben. Jeder Ort bewahrt sichtbare und unsichtbare Spuren, Zeichen vergangener und gegenwärtiger Präsenzen. So wird er zu einer Quelle der Inspiration und einer einzigartigen Bühne, die sich je nach Blickwinkel und Erfahrung des Betrachtenden verändert. Diese Dimensionen wiederum werden zu Laboratorien der Wahrnehmung und Reflexion, in denen sich die Verbindungen zwischen Menschen und Umgebungen auf überraschende Weise offenbaren. Ich versuche nicht, sie zu überwinden. Ich tauche ein in die Erfahrung mit dem menschlichen Körper, der so reich an Möglichkeiten und manchmal auch so hinderlich ist. Glücklicherweise leben wir in einem Land, das zwar gewisse Einschränkungen mit sich bringt, aber dennoch eine grosse Bewegungs- und Ausdrucksfreiheit bietet: Wir sind privilegiert. Die vielleicht einzige wirkliche Einschränkung, die jedoch überwindbar ist, ist die Schwierigkeit, als Künstler:in zu überleben und diese Leidenschaft in einen nachhaltigen Weg zu verwandeln. Aber ich nehme diese Schwierigkeit als Teil meiner Praxis an. Das ist meine Entscheidung, das bin ich, und ich bin überzeugt, dass mit der Liebe zu dem, was man tut, und mit Opfern alles möglich wird. Die Opfer werden zu einem integralen Bestandteil meiner Erfahrung und meiner künstlerischen Entwicklung. Und sie erweitern meine Sicht auf die Arbeit und die Welt.
Ich bevorzuge Mischtechniken und die Verwendung unterschiedlicher Materialien. Mich faszinieren ihre Herkunft und die Geschichten, die sie erzählen, die Paradoxien, die sie in sich bergen und die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben. Ich betrachte Materialien als Träger von Erzählungen, und als Künstlerin kann ich sie neu interpretieren oder umgestalten. Jedes Material eröffnet neue technische und expressive Möglichkeiten. Wachs beispielsweise erinnert sofort an Bienen; in meinem Werk Dominio dei rospi handelt es sich um Paraffin, ein vom Menschen verarbeitetes Erdölderivat, das die Betrachtenden dazu einlädt, sich zu fragen, was sie da sehen. Das Material wird zu einem integralen Bestandteil des Werks, und die Kombination der Materialien schafft einzigartige Dialoge. Manchmal verschmelzen sie harmonisch, manchmal scheinen sie sich zu bekämpfen, schwebend zwischen Fülle und Leere. Ich arbeite oft mit Materialien und Resten, die ich draussen finde, sei es auf der Strasse, in Secondhand-Läden oder in anderen Kontexten. Kürzlich habe ich sogar ein Werk mit dem Fell meiner Hündin Daisy geschaffen, das ich beim Bürsten sammle.
MUZI (*1995, lebt und arbeitet in Biel)