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„Ich möchte, dass die Gemeinschaften eine Matte teilen“

Die multimediale, malaysische Künstlerin Yee I-Lann reflektiert in ihrem Schaffen die Geschichte, Erzählungen, Traditionen sowie die koloniale Vergangenheit ihrer Heimat. In Ergänzung zu Yee I-Lann. Mansau-Ansau (23.8.-30.11.25) im Kunstmuseum Thun, ihrer ersten Einzelausstellung in Europa, geht sie in diesem Interview auf ihre Arbeitsweise und ihren spirituellem Zugang zur Kunst ein. Die Interviewfragen stammen aus dem Buch „92 Questions for an Artist“ des Zürcher Komponisten und Musikers Rio Wolta.

 

Yee I-Lann: TIKAR/MEJA/PLASTIK (2023)

1 Würden Sie sagen, dass sich Ihre Arbeit mit der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft befasst?

Alles trifft zu. Da ich viel mit Archiven arbeite, fliessen natürlich historische Erzählungen in meine Forschung ein. Ich beschäftige mich mit Geschichte, um daraus zu lernen und einen neuen Zugang zur Gegenwart und der Zukunft zu finden. Ich arbeite also gewissermassen zeitübergreifend.

2 Glauben Sie, dass Ihre Arbeit erklärt werden muss?

Mir gefällt die Vorstellung, dass die Menschen die Arbeit so interpretieren können, wie sie wollen, unabhängig davon, wo sie sich gerade befinden. Ich spreche von mir aus also weniger über den künstlerischen Aspekt meiner Arbeit als über die Ideen, die dahinter stehen. Mein Interesse an Macht beispielsweise oder an den Auswirkungen der Kolonialgeschichte auf Gesellschaften. Wenn jemand Informationen zu den Werken haben möchte, sind diese leicht zugänglich – beispielsweise in den Saaltexten.

3 Welche künstlerischen Tabus gibt es in der Gesellschaft, in der Sie leben?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich lebe in Malaysia und in Südostasien sind wir natürlich sehr sensibel, was Religionen und unsere Königsfamilien angeht. Auch die Frage der ethnischen Zugehörigkeit kann ein heikles Thema sein. Wir sind sehr darauf bedacht, die Gefühle anderer Menschen nicht zu verletzen. Ich denke, es herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, niemanden zu verletzen, nichts zu tun, was die Empfindlichkeiten anderer Menschen verletzt. Aber gleichzeitig denke ich, dass es immer eine Verhandlung braucht, einen respektvollen Tanz, um das zu tun und zu sagen, was man sagen möchte.

4 Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

In meiner Heimat möchte ich Land- und Seeleute zusammenbringen, ich möchte, dass die Gemeinschaften „eine Matte teilen“. Es ist mir ein Anliegen, ihnen bewusst zu machen, wie talentiert sie sind, und wie grossartig ihre Geschichten. Ich möchte ihre Philosophien sammeln. Wir können von diesem Wissen lernen und neue Wege finden, um in der heutigen Welt zueinander zu finden. Ich hoffe, dass die Menschen in Europa offen dafür sind, Ideen aus Borneo anzuhören und aufzunehmen. Es scheint so weit weg zu sein, aber gleichzeitig sind Menschen nun mal Menschen.

Neben diesen Themen möchte ich aber auch einen innovativen Umgang mit traditionellen Medien finden. Welche Geschichten und Gedanken lassen sich vermitteln, diese Frage interessiert mich. Jede Idee lässt sich durch ein anderes Medium ausdrücken, das ist wohl auch der Grund, warum es in meiner Ausstellung sowohl Fotografien wie auch Textilien und Videos zu sehen gibt.

5 Wie viel Kontrolle haben Sie über Ihre Arbeit?

In den letzten Jahren habe ich gelernt, wie man zusammenarbeitet, aber auch, wie man loslässt. Meine Arbeiten sind immer Gemeinschaftswerke. Mein Team und ich beeinflussen uns gegenseitig, das hat etwas Magisches. Und es macht Spass, den Prozess nie vorhersagen zu können, also wach zu sein, auf Zeichen zu achten, die es ermöglichen, weiterzumachen. Aber eben auch loslassen zu können, denn manchmal passiert erst dann etwas, wenn man sich löst. Es ist schön, eine gewisse Kontrolle an andere abzugeben, von ihnen zu lernen, sich von ihnen beeinflussen zu lassen – ich habe ja zwischendurch auch mal genug von mir selbst, wissen Sie (lacht).

6 Wie spirituell ist Ihre Arbeit?

Eines meiner Lieblingswörter aus dem Malaiischen ist: niat. Niat bedeutet: das, was aus deinem Innersten kommt, deine Motivation. Das, was dich morgens aufstehen lässt. Dieses Natürliche, auf Instinkt basierende, das wohnt meinem Schaffen inne. Und das ist meiner Ansicht nach spirituell.