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BREDAN BEBAN - STILL

23. September – 18. Januar 2001
Kunstmuseum Thun
1/4
Bredan Beban
2/4
Still (2002)
3/4
An exile encounters Baby Jesus (2002)
4/4
The miracle of death (2000)

Eine Frau schreitet zügig voran – und fällt plötzlich um. Mit voller Wucht stürzt sie auf denBoden. Gleichzeitig verstummen die Geräusche der Stadt und der Verlauf des Bildes verlangsamt sich. Durch das Zeitlupentempo wird der Sturz des Körpers in seiner ganzen Dimension detailliert wahrnehmbar. Es ist wie, wenn die ganze Welt den Atem anhalten würde – unheimlich. Einen Moment lang liegt der Körper reglos da, während die Umgebung wieder zum Leben erwacht; die Welt den Ton und ihre natürliche Geschwindigkeit zurück erlangt. Diese Szene spielt sich in Breda Bebans Filmarbeit Still in dieser Weise dreimal ähnlich ab. Der Schauplatz ist London, wo die aus Ex-Jugoslawien stammende Künstlerin seit rund zehn Jahren lebt. Die Wahrzeichen der Themsestadt dienen als Kulisse: Towerbridge, House of Parliament, Tate Gallery. Es sind Bauten, die historische, politische und kulturelle Instanzen repräsentieren. Sie stehen für die unerschütterliche Schauseite Londons, an der die Touristenbusse vorbei geführt werden, sie sind der Stolz von Generationen von Briten. Es sind nicht die Orte, an denen wir so erschreckende Vorkomnisse erwarten würden, wie sie sich in Still zutragen, wo eine Frau – es ist die Künstlerin selber – unvermittelt zusammenbricht und leblos liegenbleibt. Unvermeidbar werden Fernsehbilder mit Passanten, die von Scharfschützen getroffen werden, in uns wachgerufen. Die Bilder sprechen von Einsamkeit und Fremdsein, aber auch vom verzweifelten Versuch zu kommunizieren. Doch dann dreht sich die Szene plötzlich um. Die Protagonistin ruft „Cut“ und steht schnell wieder auf. Nachdem sie sich fallen gelassen hat, übernimmt sie wieder die Kontrolle und ruft ihrer Crew die Anweisung zu, die Aufnahme abzubrechen. Die Szenerie wird durch diese Auflösung als Inszenierung entlarvt und auf eine andere Ebene transponiert. Sollen wir etwas Musik hören, eine Platte auflegen? Dies ist die Frage in einem trauten Momentes des Daheimseins. Entsprechend der aktuellen Stimmung wählt man in der Plattensammlung etwas aus, möchte den Moment durch Musik vertiefen. Let’s call it love von Chet Baker, ein Liebeslied, zart und cool zugleich, Klänge der Sehnsucht und der Melancholie. Diese Schallplatte wird in Breda Bebans gleichnamigem Film auf den Plattenspieler gelegt. Das Kamera-Auge fokussiert auf die drehende Vinylscheibe. Gegenpol ist der Blick hinauf in den Himmel, über den massive Kriegsflugzeuge hinweg donnern. Es sind Archivbilder, die das Kriegsgeschehen in Ex-Jugoslawien dokumentieren. Dem Blick nach unten auf den Plattenspieler folgt derjenige nach oben in den Himmel. Die dazugehörigen Klänge, das Lied von Chet Baker und die Motoren der Kriegsflugzeuge verschieben sich gegeneinander. Es wird eine Gegenüberstellung gemacht zwischen dem Versuch, den inneren, privaten Moment der Geborgenheit zu gestalten und zu geniessen und der Konfrontation mit der äusseren, bedrohlichen Realität, der die Menschen hilflos ausgeliefert sind. Gleichzeitig wird die Interdependenz der beiden Pole verdeutlicht. Die filmischen Arbeiten Still und Let’s call it love haben beide eine starke politische Bedeutungsebene. Damit heben sie sich innerhalb des westlichen zeitgenössischen Kunstkontextes ab, in dem politische Themen kaum mehr eine Rolle spielen. Vermutlich ist im ausgehenden 20. Jahrhundert die Notwendigkeit, sich mit politischen Fragen auseinanderzusetzen, nicht mehr spürbar. Das Leben wird kaum mehr in politischen Zusammenhängen gesehen – der öffentliche Rahmen, bietet vergleichsweise bequeme Bedingungen, wodurch wir uns nicht mehr von ihm abhängig fühlen. Breda Beban hat aus der politischen Krisensituation, mit der sie konfrontiert war, kreatives Potential geschöpft. Betroffenheit und Engagement sprechen aus ihrem Werk. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir in den Gefässen der Kunstvermittlung und des Kunstdiskurses, Positionen, die aus einem anderen Erfahrungshintergrund erwachsen sind, eine Plattform geben. Dieses Öffnen des Blickfeldes – nicht als Trend, sondern als Haltung – ermöglicht, dass andere Realitäten und andere Fragen in den Kunstdiskurs einfliessen. Betroffen ist man von der Tatsache, dass Breda Beban, als Europäerin einer in den fünfziger Jahren geborenen Generation, in jüngster Vergangenheit mit einer Situation konfrontiert wurde, die von Bedrohung, Krieg, Flucht und Verlust geprägt war und ihr Leben total aus der Bahn der Selbstbestimmung geworfen hat. Diese war für sie, wie für uns auch, eine Selbstverständlichkeit. Diese Gleichzeitigkeit von so unterschiedlichen Lebenskontexten innerhalb eines kleinen geographischen Raumes, ist eine Gegebenheit, die viele Westeuropäer ratlos und erschüttert auf die Geschehnisse auf dem Balkan blicken lässt und auf die nicht selten mit Verdrängung reagiert wurde. Das Interessante an Breda Bebans Werk darüber hinaus ist die komplexe Schichtung von verschiedenen Bedeutungsebenen: die politische, historische, nationalistische, soziologische, kunsthistorische, psychologische und persönliche. Das Werk bietet sich für die unterschiedlichsten Lesarten an, der jeweilige Fokus des Rezipierenden ist entscheidend. Keinerlei Ironie, die ja immer Schutz vor zu grosser individueller Offenbarung ist, keine Scheu, Gefühle zu zeigen, keine übertriebenen Bedenken, möglicherweise didaktisch zuwirken, beeinträchtigen ihr künstlerisches Schaffen. Während bei Still der physischen Präsenz eine wichtige Rolle zukommt, ist die Künstlerin in ihrem übrigen Werk nicht in dieser Art sichtbar. Never only one x 3 hält dokumentarisch Sitzungen bei Hellsehern fest. Innerhalb eines Monats konsultiert Breda Beban drei Wahrsager, die aus Büchern, Tarot-Karten und Handflächen das Schicksal der Künstlerin herauszulesen versuchen. Dies führt zur Konfrontation mit existenziellen Fragen: Was ist Schicksal, was ist Vorsehung? Hat sich das alles jemand für uns ausgedacht? Liegt dem Verlauf unseres Lebens ein Plan zugrunde, ein Plan, der in einer für uns unerreichbaren Schublade abgelegt ist? Das Christentum hat eine Erklärung bereit. Die toskanische Bäuerin sieht den schmerzvollen Weg, den Breda Beban gehen musste, als ein Zeichen Gottes. Breda Beban leistet mit ihrem Werk Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit. Sie nutzt ihre Betroffenheit als kreative Kraft. Trotzdem ist es kein öffentliches Verarbeiten eines persönlichen Schicksals. Niemals fragt man sich im Zusammenhang mit Breda Bebans Werk: was geht mich das an? Das Leben schreibt bekanntlich die schönsten und schlimmsten Geschichten, und diese Arbeit ist voller Leben, auch wenn – oder gerade weil – der Tod so präsent ist.

Madeleine Schuppli